Das 10-jährige Mädchen war keine Selbstmordattentäterin, begreift das endlich!

Da draußen im Internet teilt ihr echt eine Petition, in der man gegen 10-jährige Selbstmordattentäterinnen unterklicken soll?

Hat da mal jemand kurz nachgedacht? Wie kann man eine 10-Jährige als Selbstmörderin in diesem Zusammenhang bezeichnen?

Dieses Mädchen ist als menschliche Bombe missbraucht worden! Da hat jemand einem unschuldigen Kind eine Bombe umgeschnallt, um zu morden.
Das war kein Selbstmord! Das war Mord an dem Kind und anderen Menschen durch Dritte.

Dieses Mädchen wird jetzt noch mal missbraucht, in dem es als Täterin diffamiert wird.

Dann klickt doch lieber auf irgendwelche Werbung, bevor ihr solchen Mist teilt.

Ende der Durchsage.

Meine Kindheit als stinknormaler Ostberliner (1) – Papa, der Türke

Ich wurde im Sommer 1976 geboren, direkt in Ostberlin – oder wie es bei uns hieß: In Berlin, der Hauptstadt der DDR. Von irgendwann Anfang 1977 bis Herbst 1996 wohnte ich dann in der Gegend von Berlin, die später die Hauptrolle in dem Film „Sonnenallee“ spielen sollte. Ich wohnte in Baumschulenweg, nahe dem Grenzübergang Sonnenallee. Die Mauer war ein ständiger Teil meiner Kindheit, Pubertät und eigentlich nach der Wende auch noch, als ich bereits zum Jugendlichen mutiert war.

Um diese Zeit – zwischen 1977 und 1996 – soll es in einigen Blogposts gehen, die ich hier in unregelmäßigen Abständen veröffentlichen möchte. Es werden Snippets meines Lebens sein, die ich zusammentrage und sie der kleinen Öffentlichkeit meines Blogs zugänglich machen möchte.

Die Idee trage ich schon länger mit mir herum, doch gestern gab es einen Anlass für den Start. Durch unseren Friedrichshainer Kiez, in dem ich inzwischen schon wieder seit über 10 Jahren wohne, zog die Demo zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Und auf dieser Demo schwangen offenbar ewig gestrige Menschen die Fahnen der FDJ, der „Freien Deutschen Jugend„. Diese sogenannte freie Jugend war die Jugendorganisation der DDR – oder vielleicht besser der SED. Das müssen ForscherInnen genauer sagen können. Ich nicht. Denn ich wurde nicht mehr Mitglied der FDJ, was der Wende 1989 geschuldet ist. Aber zurück dazu, warum mich dieses Fahnenschwingen zum Start meiner kleinen Serie getriggert hat. Ich fand es entsetzlich. Menschen schwingen die Fahne einer Organisation, die tatsächlich ein recht wichtiges Machtinstrument der DDR-Führung war. Diese Organisation brachte die Jugendlichen auf den Kurs, den die DDR-Oberen ihr vorgegeben hatten. Und das war sicherlich kein guter Kurs, wie die jüngere Geschichte bisher gezeigt hat. In meiner losen Abfolge von Texten möchte ich gern meine Geschichte erzählen, die nicht wahnsinnig spektakulär sein wird. Aber sie wird vielleicht auch zeigen, wie wenig eine DDR-Kindheit zum Glorifizieren oder Fahnenschwingen taugt. In dem folgenden Text wird die FDJ noch keine Rolle spielen, denn meine Beiträge werden zusätzlich eher einer chronologischen Ordnung folgen. Viele Beiträge werde ich an Personen festmachen, denen ich in meinem Leben begegnet bin, die mich eine Zeit begleitet haben oder es noch immer tun. Andere Posts beziehen vermutlich eher auf Gegenstände oder Ereignisse.

Papa, der Türke

1976/77 kam ein Kind in der DDR im Normalfall mit einem halben Jahr in die Kinderkrippe. Der Hintergrund war vermutlich recht einfach. Frauen waren als Arbeitskräfte in der DDR-Wirtschaft einfach notwendig. Mangelnde Automatisierung von Arbeitsprozessen wurde durch mehr Personal kompensiert. In meinem späteren Freundeskreis gab es keine Mutter, die Hausfrau war. Alle Mütter meiner FreundInnen arbeiteten. Einige hatten studiert und forschten nun oder arbeiteten in gehobenen Positionen. Andere arbeiteten in Kombinaten und Verwaltungen nach dem sie eine Berufsausbildung abgeschlossen hatten.

Meine Mutter arbeitete damals in einem Großbetrieb, der u.a. für den Bau des Greifswalder Atomkraftwerkes zuständig war und insgesamt große Bauprojekte in der DDR projektierte und verantwortete. Voller Stolz zeigte mir meine Mutter später immer wieder Kopien ihrer großen Zeichnungen. Ganz besonders stolz war sie auf den Bauplan eines Treppenturms, den sie für die Abschlussarbeit ihrer Berufsausbildung zur Bauzeichnerin gezeichnet hatte. Denn dieser Turm stand da nun irgendwo bei Greifswald (Lubmin).

Mein Vater war Seemann. Bis zu meinem vierten Lebensjahr bzw. der Geburt meiner Schwester fuhr er für die Handelsmarine der DDR durch die Welt und war nur alle paar Monate daheim.
Eine Geschichte, die mir in diesem Zusammenhang von meiner Mutter mal erzählt wurde, ist vielleicht nicht ganz uninteressant. Eben weil mein Vater damals international unterwegs war, konnte er sich Dinge leisten, die es in der DDR so nicht gab. Er kaufte sich von seinem Gehalt, das teilweise in internationalen Währungen ausgezahlt wurde, in den ausländischen Hafenstädten Kleidung, die natürlich damals hipper war, als all das, was es im Ostberliner Modegeschäft gab. Was man eben so macht, wenn man Anfang 20 ist. Diese Kleidung, sein ständig sonnengebräuntes Äußeres und seine dunklen Haare führten dazu, dass meine Mutter damals öfter gefragt wurde, ob sie mit einem Türken zusammen sein würde und ob das denn richtig wäre.

Diese Frage wurde gestellt in der DDR, Ende der Siebziger und in einem Land, das Menschen hinter einer Mauer hielt. In einem Land, dass von sich behauptete weltoffen und freundlich zu sein. Und wenn ich das hier so schreibe, dann will ich gar nicht den Zeigefinger heben, sondern nur aufzeigen, wie sich im Kleinen doch Vorurteile zeigten gegen alles Andere.

Mein Vater und auch seine Eltern stammen übrigens nicht aus der Türkei. Sie sind ebenfalls alle in Deutschland bzw. Berlin geboren worden. Das ist nur insofern interessant, als das es vielleicht beim Einordnen der oben beschriebenen Geschichte hilft. Es waren also ganz simple Äußerlichkeiten, die Vorurteile schürten und sogar zu fremdenfeindlichen Verhalten führten. So, wie andernorts auf der Welt auch.

Ich selbst kann mich an meine ersten drei Jahre nicht wirklich erinnern. Irgendwo habe ich mal gelesen, Menschen würden sich generell erst an Ereignisse erinnern können, die sie ungefähr ab dem vierten Lebensjahr erlebt haben. Ergo sind die Geschichten, die ich über diese Zeit aufschreibe allesamt Nacherzählungen von Stories, die mir Dritte berichtet haben. Es würde mich freuen, wenn ihr LeserInnen eure Erinnerungen und Geschichten in den Kommentaren teilen würdet. Dabei interessieren mich natürlich auch die Geschichten aus Westberlin, der BRD oder wo auch immer ihr eure Kindheit verlebt habt. Veröffentlicht sie gern auf euren Blogs und hinterlasst einfach Links in den Kommentaren. So wie ihr es wollt.